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Nation
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Nation (um 1400 ins Deutsche ĂŒbernommen, von lateinisch natio, „Volk, Sippschaft, Herkunft“ oder „Geburt“, ursprĂŒnglich fĂŒr eine „Geburtsgemeinschaft“,cite-ref-1[1] abgeleitet vom Verb nasci, „geboren werden“)cite-ref-2[2] bezeichnet grĂ¶ĂŸere Gruppen oder Kollektive von Menschen, denen gemeinsame Merkmale wie Sprache, Tradition, Sitten, BrĂ€uche oder Abstammung zugeschrieben werden.

Diese Begriffsdefinition ist jedoch empirisch inadĂ€quat, da zum Beispiel nach Ansicht von Eric Hobsbawm keine Nation diese Definition vollumfĂ€nglich erfĂŒllt.cite-ref-3[3] Daneben wird die Bezeichnung auch allgemeinsprachlich als Synonym fĂŒr die Bezeichnungen Staatswesen und Volk gebraucht, von denen Nation in der wissenschaftlichen Darstellung getrennt wird. Die zugeschriebenen kulturellen Eigenschaften können dabei als der Nationalcharakter eines Volkes oder einer Volksgemeinschaft dargestellt werden. Der Begriff „Nation“ erweist sich als ein Konstrukt, das wirksam wird, indem Menschen sich handelnd auf ihn beziehen.cite-ref-4[4]

In der vorbĂŒrgerlichen Zeit wurden an den ersten UniversitĂ€ten die Studenten aus bestimmten europĂ€ischen Regionen als jeweilige Nation (nationes) kategorisiert (z. B. germanische Nationcite-ref-5[5]). Die staatsbezogene Nationsentwicklung, bei der die (eigentlich verschiedenen) Begriffe Staat und Nation miteinander verbunden bzw. gleichgesetzt wurden, geschah zu Beginn des bĂŒrgerlichen Zeitalters und der Moderne. Vor diesem Hintergrund ist zwischen Staat, Nation (Kulturnation) und Nationalstaat zu unterscheiden. Nur in einem Nationalstaat fĂ€llt das Staatsgebilde mit dem Begriff der Nation zusammen.cite-ref-6[6] Der Nationsbegriff hat Bedeutung fĂŒr den völkerrechtlichen und den politischen Bereich.

Contents

‱ Literatur
‱ Weblinks

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NĂ€heres

FĂŒr politische Kollektive, die sich wie in der Französischen Revolution (1789–1799) in der Nationalversammlung zu einer Nation als Staat mit einer Verfassung konstituieren, bestehen Begriffe wie Willensnation oder Staatsnation. Staat und Nation werden hier synonym verwendet. Statt ethnischer Konstruktionen dienen hier vor allem gemeinsame Ideale wie „Freiheit, Gleichheit, BrĂŒderlichkeit“ als Grundlage, die das Gemeinwesen der Nation willentlich zusammenhĂ€lt. In diesem Zusammenhang wurde auch postuliert, dass territoriale oder sonstige partikulare Gruppenbindungen abgestreift werden mĂŒssten, um die Schaffung einer gemeinsamen Nation zu ermöglichen. Die Zugehörigkeit zur Nation wurde hier hĂ€ufig an ein Emanzipationsversprechen und einen Zwang zur Assimilation geknĂŒpft.

Als Willensnation mit einem heterogenen Staatsvolk gilt insbesondere die Schweizerische Eidgenossenschaft, die aus deutsch-, französisch-, italienisch- und rĂ€toromanischsprachigen Bevölkerungsgruppen besteht. Eine ethnische Nation oder Kulturnation bildet dagegen nicht zwingend ein einheitliches Staatsvolk, da auch ein ĂŒberstaatlicher Kulturraum wie beispielsweise der arabische Sprach- und Kulturraum als nationaler Identifikationshorizont dienen kann. Menschen, die eine ethnische Nation bilden, werden auch im ethnologischen Sinn als Volk angesprochen. Dies kann neben den Ethnien oder NationalitĂ€ten von Vielvölkerstaaten auch fĂŒr ethnische Minderheiten innerhalb von Nationalstaaten zutreffen, beispielsweise die Tschuktschen innerhalb Russlands.

Die soziale Konstruktion der Nation zeigt sich an einer Reihe von WidersprĂŒchen. Beispielsweise kann die Sprache nicht immer als nationales Definitionsmerkmal herangezogen werden. So bilden z. B. die deutschsprachigen LĂ€nder keine gemeinsame Nation. Auch Staaten wie Brasilien und Portugal sind trotz kultureller Zugehörigkeit zur Lusophonie keine gemeinsame Nation, weil sie unterschiedliche Staatsbildungsprozesse (→ Nationenbildung, Staatenbildung) erlebt haben.

Begriffsgeschichte

Natio bezeichnete im Lateinischen ursprĂŒnglich eine Gemeinschaft von Menschen gleicher Herkunft, daran anschließend eine durch gemeinsame Sprache, Sitten und BrĂ€uche kenntliche Gemeinschaft, und zwar im römischen Sprachgebrauch zunĂ€chst als Fremdbezeichnung fĂŒr ein fremdartiges eingewandertes Volk, das mit der einheimischen Bevölkerung lebt. Mit dem Ius gentium wurde fĂŒr den Umgang mit Menschen, die nicht das römische BĂŒrgerrecht besaßen, eine eigene Rechtsgrundlage geschaffen.

AnknĂŒpfend an den römischen Sprachgebrauch, sind im christlichen Latein die ‚nationes‘ oder ‚gentes‘ in erster Linie die nichtjĂŒdischen Heidenvölker, als AnhĂ€nger heidnischer Kulte oder als bekehrungswillige Heiden, die mit den jĂŒdischen Christen das Evangelium annehmen und mit ihnen die Gemeinschaft der Kirche bilden.

An der mittelalterlichen UniversitĂ€t mussten sich die Studenten nach ihren HerkunftslĂ€ndern in Nationes mit eigenen Statuten und Prokuratoren einschreiben. Diese UniversitĂ€tsnationen, meist gab es davon vier, wurden nach den wichtigsten Herkunftsgebieten der örtlichen Studenten benannt. An der Pariser UniversitĂ€t wurden die nationes gallicorum, normannorum, picardorum und anglicorum unterschieden, wobei zur „gallischen“ auch die Italiener, Spanier, Griechen und Orientalen zĂ€hlten und zur „englischen“ auch die Deutschen und ihre nördlichen und östlichen Nachbarvölker. An der Prager UniversitĂ€t gehörten zur „polnischen“ Nation neben den Studenten aus dem Königreich Polen auch die Studenten der östlichen Reichsteile, zur „böhmischen“ auch Ungarn und SĂŒdslawen, zur „bairischen“ außer den Bajuwaren die Schwaben, Franken, Hessen, RheinlĂ€nder und Westfalen sowie zur „sĂ€chsischen“ die Norddeutschen, DĂ€nen, Schweden und Finnen.

Als Selbstbezeichnung fĂŒr ein Volk mit politisch-staatlicher Einheit und einer durch gemeinsame Vorfahren und Geschichte begrĂŒndeten Eigenart gewinnt der Begriff nation im Französischen seit dem 16. Jahrhundert an Bedeutung, die sich im 18. Jahrhundert dann mit der Französischen Revolution unter Betonung der Gesamtheit und SouverĂ€nitĂ€t des Staatsvolkes gegenĂŒber stĂ€ndischen und partikularen AnsprĂŒchen auf staatliche Hoheit auch in den ĂŒbrigen europĂ€ischen Sprachen verbreitet. Infolge der Revolution und wachsender Bevölkerungszahlen entfaltete die Idee der Nation als ein Gesamtstaat eine hohe Dynamik, die anfangs gegen autokratischen Feudalismus, wirtschaftlich und politisch einengende Kleinstaaterei und landsmannschaftliches Denken (deutsche FĂŒrstenstaaten beziehungsweise deutscher Sprach- und Kulturraum) oder aber gegen imperiale fremde Herrschaft (Vielvölkerstaaten Russland, Österreich-Ungarn) gerichtet war.

Johann Christoph Adelung beschreibt in seinem Standardwerk Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart am Ende des 18. Jahrhunderts den Begriff Nation als „die eingebornen Einwohner eines Landes, so fern sie einen gemeinschaftlichen Ursprung haben, und eine gemeinschaftliche Sprache reden, sie mögen ĂŒbrigens einen einzigen Staat ausmachen, oder in mehrere vertheilet seyn [
] Auch besondere Zweige einer solchen Nation, d. i. einerley Mundart redende Einwohner einer Provinz, werden zuweilen Nationen genannt, in welchem Verstande es auf den alten UniversitĂ€ten, wo die Glieder nach Nationen vertheilet sind, ĂŒblich ist [
] Ehe dieses Wort aus dem Lateinischen entlehnet wurde, gebrauchte man Volk fĂŒr Nation, in welchem Verstande es auch noch von alten Nationen ĂŒblich ist. Wegen der Vieldeutigkeit dieses Wortes aber hat man es in dieser Bedeutung großen Theils verlassen und Völkerschaft fĂŒr Nation einzufĂŒhren gesucht, welches Wort auch bereits Beyfall gefunden“. FĂŒr das Deutsche Wörterbuch der BrĂŒder Grimm ist die Nation „das (eingeborne) volk eines landes, einer groszen staatsgesamtheit“. Der Begriff ist demnach „seit dem 16. Jahrh. aus dem franz. nation, ital. nazione (vom lat. natio)“ in die deutsche Sprache aufgenommen worden. Ähnlich sind die Begriffsbestimmungen in der etwa zeitgleich entstandenen Oeconomischen EncyclopĂ€die von Johann Georg KrĂŒnitz und, sehr viel umfangreicher, in dem in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts entstandenen Meyers Konversations-Lexikon.

In seiner berĂŒhmten Rede von 1882 Qu’est-ce qu’une nation? benannte Ernest Renan Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als die Faktoren, die das principe spirituel der Nation konstituieren. Ein Volk bilde eine Nation nicht wegen einer gemeinsamen Rasse, Sprache oder Religion, nicht wegen gemeinsamer Interessen oder wegen der Geographie, sondern vielmehr aufgrund gemeinsamer Erinnerungen an die Vergangenheit sowie aufgrund des Wunsches, gegenwĂ€rtig und kĂŒnftig zusammenzuleben. Insofern sei die Nation ein tĂ€gliches Plebiszit.cite-ref-7[7]

Sozialwissenschaftlicher Begriff

Im sozialwissenschaftlichen Kontext wird der Begriff auf sehr unterschiedliche Weise verwendet. Die marxistische und die liberale Gesellschaftstheorie ignorieren weitgehend das Problem der Nation; es stellt fĂŒr sie eine Art „Anomalie“ dar oder sie setzen die historische Existenz der Nationen einfach voraus, z. B. wenn Karl Marx im Kommunistischen Manifest davon ausgeht, dass das Proletariat sich zunĂ€chst mit der je nationalen Bourgeoisie auseinanderzusetzen hat, bevor es sich vereinigt.cite-ref-8[8]

Andere Sozialwissenschaftler begreifen die Nation z. B. als gewollte Gesellschaft (so Ferdinand Tönnies), als „kulturelles Artefakt“ in Form einer vorgestellten Gemeinschaft, deren Mitglieder sich nicht gegenseitig kennen (imagined political community, Benedict Anderson),cite-ref-9[9] als auf primordialen Bindungen beruhende Gruppe (vgl. Clifford Geertz), ferner als historisch kontingentes Konzept (vgl. Rogers Brubaker) oder auch als Kombination vorstehender Begriffe (vgl. Anthony D. Smith). Ernest Gellner wiederum argumentiert: „Nationalism [
] invents nations where they do not exist“ und verweist den Begriff damit in die NĂ€he des Irrealen, Eingebildeten, Ideologischen.cite-ref-10[10]

Der auf das 18./19. Jahrhundert spezialisierte Historiker und Nationalismusforscher Otto Dann definiert Nation sowohl historisch als auch teleologisch als Gesellschaft, die „eine politische Willensgemeinschaft“ bilde. Sie wurzele in einer gemeinsamen historischen Erfahrung und verstehe sich als Solidargemeinschaft. Alle Mitglieder einer Nation seien rechtlich gleichgestellt und teilten einen Grundkonsens ĂŒber die gemeinsame politische Kultur. Als Substrat liege jeder Nation ein bestimmtes Territorium zugrunde, das sogenannte Vaterland. Hauptziel jeder Nation sei der Nationalstaat, in dem sie eigenverantwortlich die LebensverhĂ€ltnisse ihrer BĂŒrger gestalten könne (SouverĂ€nitĂ€t).cite-ref-11[11] Ein solches VerstĂ€ndnis, das von der Bildung der europĂ€ischen Nationalstaaten ausgeht, kritisiert Anderson, wenn er argumentiert, dass Nation und Nationalismus inkohĂ€rente und philosophisch schlecht begrĂŒndete Begriffe sind.cite-ref-12[12] Er wendet sich jedoch auch gegen Gellners Kritik des Nationenbegriffs: Entscheidend sei nicht, ob eine Nation „echt“ oder eingebildet sei, sondern in welcher Form sie imaginiert werde, z. B. als Verwandtschaftssystem wie im alten Königreich Java. Der Nationenbegriff sei also nur scheinbar universalistisch.cite-ref-13[13]

Politikwissenschaftlicher Begriff

FĂŒr einen politischen Zusammenschluss von Menschen, die keiner gemeinsamen Abstammungs-, Kultur- oder Sprachgemeinschaft angehören, wĂ€re grundsĂ€tzlich auch ein Staat denkbar, der sich nicht auf die nationale Zusammengehörigkeit seines Staatsvolks beruft. Trotzdem wird auch hier in den meisten FĂ€llen zusĂ€tzlich eine Zusammengehörigkeit als Nation postuliert. Damit soll der einheitsstiftende Charakter eines geeinten, politisch souverĂ€n organisierten und geordneten Staatswesens als soziopsychologisch prĂ€gender Lebens- und Wohnraum seiner BĂŒrger hervorgehoben werden. In klassischen Vielvölkerstaaten, in denen definitionsgemĂ€ĂŸ verschiedene NationalitĂ€ten ihre Heimat haben, entstehen in diesem Kontext oftmals spannungsreiche GegensĂ€tze unterschiedlicher und teils konkurrierender nationaler IdentitĂ€ten, um deren einvernehmliche Aufhebung man sich mit unterschiedlichen Lösungsstrategien (Teilautonomie, ParitĂ€tsmodelle u. Ä.) bemĂŒht.

In Frankreich, einem zentralistischen Staat, versucht man unter dem Sinnbild der Grande Nation, die StĂ€nde, aber auch die autonomen Bestrebungen der Regionen, der Dynasten und ethnischen Volksgruppen wie z. B. der Bretonen, Korsen, Basken und ElsĂ€sser in den französischen Staat zu integrieren; teilweise wurde versucht, deren Muttersprachen durch die französische Staatssprache zu ersetzen. Heute tritt deren Pflege wieder sehr hervor. Im Gegensatz dazu steht beispielsweise der Mehrvölkerstaat Schweiz, die sich als sogenannte Willensnation versteht und deren Bewohner sich verschiedenen Sprachgemeinschaften zuordnen (die Schweiz besteht aus deutsch-, französisch-, italienisch- und rĂ€toromanischsprachigen Gemeinden). EinwanderungslĂ€ndern wie Kanada, USA oder Argentinien fehlen etliche typische Merkmale der historisch sehr viel Ă€lteren europĂ€ischen Nationen, trotzdem nehmen sie diesen Begriff sehr dezidiert fĂŒr sich in Anspruch. Die Indianer Nordamerikas sehen sich zunehmend staatsunabhĂ€ngigen‚ indianischen Nationen zugehörig.cite-ref-14[14]

Kulturnation und Staatsnation nach Meinecke

An der GegenĂŒberstellung der Ideengeschichte Deutschlands und Frankreichs des 19. Jahrhunderts entwickelte Friedrich Meinecke die Klassifizierung von mitteleuropĂ€ischer Kulturnation und westeuropĂ€ischer Staatsnation.cite-ref-15[15]

Kulturnation

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Hauptartikel

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Kulturnation

Die Kulturnation ist ein sehr nachhaltiges Konzept der Nation, da sie den Sprach- und Kulturraum (Sprache und Tradition) eines Volkes beschreibt. Nation ist dann die durch die Geschichte bewahrte Einheit in Sprache, Kultur und Traditionen (siehe Volksbegriff). Sie lÀsst sich nicht durch territoriale Grenzen definieren, sondern verbindet sich beispielsweise mit NationaldenkmÀlern, Nationalhelden, einer Nationalhymne und einer Nationalallegorie als Identifikationsangeboten. Die Einheit der nationalen Sprache wird meist durch eine Nationalliteratur geprÀgt.

Nation wird dann eher ethnisch homogen (als Volk), aber auch als Stamm (Stammesvolk, frĂŒher Völkerstamm) verstanden (vgl. dazu Tribalismus, Reservation). Diese Definition der Nation geht oft von der gemeinsamen Abstammung der Angehörigen der Nation und einer daraus resultierenden Kultur- und Spracheinheit aus. Das Bestreben nach ethnisch homogenen Nationalstaaten fĂŒhrte im 20. Jahrhundert zu sogenannten ethnischen SĂ€uberungen.

Staatsnation

Die Staatsnation oder auch StaatsbĂŒrgernation ist eine Nation, die auf dem Willen der StaatsbĂŒrger beruht. Sie wird historisch beispielhaft als in Großbritannien, Frankreich und vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika verwirklicht gesehen. Es sind die gemeinsamen politischen Werte, zu denen sich alle BĂŒrger verpflichtet fĂŒhlen, die eine Nation begrĂŒnden. So wird die Staatsnation zu einem tĂ€glichen Plebiszit (Ernest Renan).cite-ref-16[16]

Volksnation, Kulturnation, Staatsnation, Klassennation nach Lepsius

Der Soziologe M. Rainer Lepsius unterscheidet in seiner 1982 vorgelegten Typologie der Struktureigenschaften und Funktionsbedeutungen der jeweiligen Vorstellung von Nation vier Typen: Die Volksnation, die sich als ethnische Abstammungsgemeinschaft imaginiert, die Kulturnation (im Anschluss an Meinecke), die StaatsbĂŒrgernation, die sich (wie zum Beispiel die Vereinigten Staaten) ĂŒber die individuellen staatsbĂŒrgerlichen Gleichheitsrechte und die demokratischen Verfahren der Herrschaftslegitimation definiert, sowie schließlich die Klassennation, in der die Zugehörigkeit zur marxistisch verstandenen sozialen Klasse ausschlaggebend fĂŒr die Zugehörigkeit zur nationalen Gemeinschaft ist. Als Beispiel fĂŒr letzteres nennt er die DDR.cite-ref-17[17]

Nach dem Historiker Vito Gironda liegt der Unterschied zwischen den Konzepten Volksnation und StaatsbĂŒrgernation im Umgang mit Einwanderern und nationalen Minderheiten: In einer Volksnation werde deren Integration bzw. sogar Assimilation in eine definierte kulturelle Gemeinschaft vorausgesetzt. In einer StaatsbĂŒrgernation dagegen bestehe die Möglichkeit fĂŒr alle, sich in diese kulturelle Gemeinschaft und ihr Wertesystem zu integrieren.cite-ref-18[18]

Nation als Religionsersatz und Nationsbildung durch Religionen

Die AnhĂ€nglichkeit an die Nation dient mitunter als Religionsersatz (Nationalismus): Es gibt eine Art „Kult der Nation“. Die Nation wird als etwas „Heiliges“ betrachtet, fĂŒr das man „Opfer“ bis hin zum „Martyrium“ erbringt. Auf der anderen Seite dient vielen Nationen ihre Religion oder Konfession als Definitionsmerkmal (→ Religionsstaat, Staatsreligion).cite-ref-19[19]

Staatsphilosophischer Begriff

Johann Gottlieb Fichte wird die essentialistische Definition zugeschrieben, nach der Nation ĂŒberzeitlich existent sei und lediglich noch der Artikulation bedĂŒrfe. Fichte sieht demnach die Nation als eine von Gott geschaffene, in alle Ewigkeit und unabhĂ€ngig von der Geschichte bestehende ontologische Einheit. An essentialistische Vorstellungen von Volk und Nation knĂŒpft auch Carl Schmitt an. Dieser nahm eine Krise des Nationalstaats an, zu deren Überwindung er 1939 ein von Völkern und Volksgruppen ausgehendes Konzept eines Großraums entwickelte, das auf der Reichsidee und einem „Interventionsverbot raumfremder MĂ€chte“ basieren sollte.cite-ref-20[20]

Die Jakobiner vertraten in der Französischen Revolution eine Vorstellung von Nation, die in der Nation eine Einheit sieht, die als Staatsnation politisch gebildet werden muss. Nation ist demnach die Willensgemeinschaft derer, die die Werte der Verfassung verteidigen. Diese Tradition blieb in Frankreich wirkmÀchtig.

Der Philosoph Anton Leist definiert Nation als „ein soziales Kollektiv, das erzeugt wird (basierend auf ethnischen, kulturellen, historischen, geographischen und politischen Überzeugungen) durch die wechselseitige Zuschreibung nationaler Zugehörigkeit unter ihren Mitgliedern, das eine öffentliche Kultur teilt und das den Willen hat, sich in einem Staat zu organisieren“.cite-ref-21[21]

In der russischsprachigen Welt wird auf den Nationenbegriff von Nikolai Alexandrowitsch Berdjajew hĂ€ufig verwiesen. Berdjajew beschrieb in seinem Buch Philosophie der Ungleichheit. Briefe an sozialphilosophische Widersacher aus dem Jahre 1923, dass die Nation eine konkret-historische und keine abstrakt-soziologische Figur sei. Er fĂŒhrt hierzu aus: „Die Nation ist nichts abgeleitetes, sie ist etwas ursprĂŒngliches, ein unsterbliches Subjekt des historischen Prozesses, in ihr leben und ĂŒberdauern alle vorherigen Generationen. (
) Jede Nation strebt instinktiv zu einem Maximum an Kraft und Lebendigkeit, nach Selbstentfaltung in der Geschichte. (
) In einer konkreten Weltgemeinschaft darf es keinen Widerspruch zwischen Nationen und Menschheit geben: In der vereinigten Menschheit finden sich alle Nationen bestĂ€tigt, in ihr finden sie Kraft und blĂŒhen auf.“cite-ref-22[22]

Völkerrechtlicher Begriff

Im Völkerrecht wird auf die tatsĂ€chlichen Gemeinsamkeiten eines Volkes (oder einer Volksgruppe) abgestellt. So haben nach Artikel 1 und 55 der Charta der Vereinten Nationen einzelne Völker ein Recht auf Selbstbestimmung, und zwar unabhĂ€ngig davon, ob sie bereits Teil eines Staates sind. Die traditionelle französische Position zum Volksbegriff drĂŒckte der Völkerrechtler Alphonse Rivier wie folgt aus: „Volk oder Nation, als Subjekt des Völkerrechts, ist gleichbedeutend mit Staat; kein ethnographischer, sondern ein juristischer und politischer Begriff.“cite-ref-23[23] Nach dem Historiker Jörg Fisch lĂ€sst sich „ein Zustand der Welt, in dem jedes Volk einen eigenen Staat zwar nicht bilden muss, aber doch bilden darf und in dem jeder Mensch dem Volk seiner Wahl angehören kann, [
] zwar denken, aber nicht verwirklichen.“cite-ref-24[24]

Der Historiker Peter JĂłsika argumentiert diesbezĂŒglich, dass die politische Gemeinde als kleinste politische Einheit immer Ausgangspunkt jeglicher ĂŒberregionalen, und daher auch der nationalen Selbstbestimmung, sein sollte. JĂłsika verweist auf das in der Schweiz geltende Recht der Gemeindeautonomie, die auf dem Prinzip der lokalen Selbstbestimmung basiert, als Vorbild.cite-ref-25[25]

Das Recht der Bundesrepublik Deutschland wĂ€hlt fĂŒr seine StaatsbĂŒrger eine Mischform zwischen Staatsangehörigkeitsprinzip und Volkszugehörigkeitsprinzip.

Literatur

‱ Benedict Anderson: Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism. 1983, ISBN 0-86091-329-5 (dt. zuerst u. d. T. Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Campus, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-593-33926-9).
‱ Étienne Balibar: Die Nation-Form: Geschichte und Ideologie. In: Étienne Balibar, Immanuel Wallerstein: Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente IdentitĂ€ten. Argument, Hamburg/Berlin 1990, ISBN 3-88619-386-1.
‱ Otto Dann: Nation und Nationalismus in Deutschland 1770–1990. MĂŒnchen 1993, ISBN 3-406-34086-5.
‱ Karl W. Deutsch: Nationenbildung, Nationalstaat, Integration. DĂŒsseldorf 1972, ISBN 3-571-09087-X.
‱ Imanuel Geiss: Nation und Nationalismen. Versuche ĂŒber ein Weltproblem, 1962–2006. Bremen 2007, ISBN 978-3-934686-43-4.
‱ Ernest Gellner: Nations and Nationalism. Oxford 1983 (dt. zuerst u. d. T. Nationalismus und Moderne. Rotbuch, Berlin 1991, ISBN 3-88022-358-0).
‱ Klaus P. Hansen: Kultur, Kollektiv, Nation. Stutz, Passau 2009, ISBN 978-3-88849-181-8.
‱ Christian Jansen, Henning BorggrĂ€fe: Nation – NationalitĂ€t – Nationalismus. Campus, Frankfurt am Main 2007.
‱ Eric Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, Mythos und RealitĂ€t seit 1780, deutsche Ausgabe, Campus, Frankfurt am Main/New York 1991 (ĂŒberarbeitet 2004, 3. Auflage 2005 auch als Lizenzausgabe fĂŒr die Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung), ISBN 3-89331-646-9.
‱ Kurt HĂŒbner: Das Nationale. VerdrĂ€ngtes, Unvermeidliches, Erstrebenswertes. Styria, Graz/Wien/Köln 1991, ISBN 3-222-12093-5.
‱ Hans Kohn: The Idea of Nationalism. A Study in Its Origins and Background. The Macmillan Company, New York 1944.
‱ Reinhart Koselleck, Fritz Gschnitzer, Karl Ferdinand Werner und Bernd Schönemann: Volk, Nation, Nationalismus, Masse. In: Reinhart Koselleck, Otto Brunner, Werner Conze (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. 7, Klett-Cotta, Stuttgart 1972, S. 141–431.
‱ Rolf-Ulrich Kunze: Nation und Nationalismus. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, ISBN 3-534-14746-4.
‱ Friedrich Meinecke: WeltbĂŒrgertum und Nationalstaat. Studien zur Genesis des deutschen Nationalstaates. Oldenbourg, MĂŒnchen 1907 (2. Auflage 1911).
‱ Michael Metzeltin, Thomas Wallmann: Wege zur EuropĂ€ischen IdentitĂ€t. Individuelle, nationalstaatliche und supranationale IdentitĂ€tskonstrukte. Frank & Timme, Berlin 2010, ISBN 978-3-86596-297-3.
‱ Hans-Ulrich Wehler: Nationalismus. Geschichte, Formen, Folgen. C.H. Beck, MĂŒnchen 2005, ISBN 3-406-44769-4.

Weblinks

Commons

: Nation

– Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Wikiquote: Nation

– Zitate

Wiktionary: Nation

– BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

‱ Danielle Buschinger: Einige Bemerkungen zum Begriffsfeld â€șNationâ€č im Mittelalter. Von der natio zur Nation. In: IABLIS – Jahrbuch fĂŒr europĂ€ische Prozesse, 2005
‱ Thomas Riklin: Worin unterscheidet sich die schweizerische „Nation“ von der Französischen bzw. Deutschen „Nation“? (Memento vom 3. MĂ€rz 2012 im Internet Archive), 2005

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Hans-JĂŒrgen LĂŒsebrink: L’Etat-Nation/Staatsnation. Zur frĂŒhmodernen Genese und postmodernen Infragestellung des Nationalen. In: Rainer Hudemann, Manfred Schmeling (Hrsg.): Die ‚Nation‘ auf dem PrĂŒfstand/La ‚Nation‘ en question / Questioning the ‚Nation‘. Akademie Verlag, Berlin 2009, S. 3.
cite-note-22. ↑ Nation. In: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. Abgerufen am 11. Februar 2020
cite-note-33. ↑ Eric J. Hobsbawm: Nationen und Nationalismus: Mythos und RealitĂ€t seit 1780. Campus, Frankfurt am Main 2005, S. 16.
cite-note-44. ↑ Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. 2., um ein Nachw. erw. Aufl., Campus, Frankfurt am Main/New York 2005, ISBN 978-3-593-37729-2.
cite-note-55. ↑ Natio Germanica Bononiae, abgerufen am 27. Juli 2024.
cite-note-66. ↑ Vgl. Duden, Deutsches Universalwörterbuch, 5. Auflage, Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 2003, Stichwort „Nationalstaat“.
cite-note-77. ↑ Ernest Renan: Qu’est-ce qu’une nation? ConfĂ©rence fait en Sorbonne, le 11 mars 1882. In: Henriette Psichari (Hrsg.): ƒuvres complĂštes de Ernest Renan. Band 1. Paris 1947, S. 895–905.
cite-note-88. ↑ Benedict Anderson: Imagined Communities. 2. Aufl., London/New York 1991, S. 4.
cite-note-99. ↑ Anderson 1991, S. 4 ff.
cite-note-1010. ↑ Ernest Gellner: Thought and Change, Weidenfeld & Nicolson, 1965, S. 169.
cite-note-1111. ↑ Zitiert nach Dieter Langewiesche: Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa. C.H. Beck, MĂŒnchen 2000, S. 39 f.
cite-note-1212. ↑ Anderson 1991, S. 5.
cite-note-1313. ↑ Anderson 1991, S. 6.
cite-note-1414. ↑ Christian F. Feest: Kulturen der nordamerikanischen Indianer. Könemann, Köln 2000, S. 22–23.
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